Hemingway und die toten Vögel

Boris Saidman
“Hemingway und die toten Vögel”
A. d. Hebr. v. Mirjam Pressler
Verlag: Berlin Verlag; Auflage: 1 (8. März 2008)
Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3827007844
ISBN-13: 978-3827007841
238 Seiten

„Dobry wetscher, gut Abend, Herr Schani', kam die Stimme aus dem Handylautsprecher. 'Ich rufe Sie von Kiriat Moria an ... von der Jewish Agency in Jerusalem ... dem Forum für ehrenamtliche Fürsorge für jüdischen Erziehung und Einwanderung ... in der Sowjetunion ... Oh, Verzeihung, das heißt ... in der GUS ...“ Mit diesem Telefongespräch, der Einladung zur Teilnahme an einem „Festival für jüdische Kultur“, beginnt für Tal Schani die Reise zurück nach Dnjestrograd, wo er geboren und aufgewachsen ist, bevor er mit seinen Eltern nach Israel auswanderte. Tal hat seine russischen Wurzeln bei der Einreise gekappt, aber er weiß, dass in Dnjestrograd jemand auf ihn wartet: Tolik, sein früheres Ich, das Kind, das er damals war und sich aus dem Herzen gerissen hat. Und so beginnt für Tal eine Zeitreise in seine Vergangenheit ...

Boris Saidman erzählt von einer Kindheit in der Sowjetunion, geprägt von Heldengeschichten aus dem Zweiten Weltkrieg, von verschwundenen Großvätern, von seinem Onkel Niuma, der als Kriegsheld zurückkehrte und wegen Mehlschmuggel im Gulag verschwand und von seiner Tante Rosa, mit denen er zwar im Grunde nicht verwandt ist, die aber durch die gemeinsame leidvolle Vergangenheit zu einer „echten“ Familie wurden. Er erzählt von seinen kindlichen Träumen und Phantasien, die sich aus der politischen Propaganda und den Geschichten der Erwachsenen speisen und aus denen er seine eigene Realität bastelt, von der ständigen Angst vor Spitzeln, der Notwendigkeit, über „gewisse Dinge“ ausschließlich in der Familie zu sprechen, und von einem Antisemitismus, der ihn zuerst in die Isolation getrieben und zuletzt in Lebensgefahr gebracht hat.

Die Erinnerungen des kindlichen Tolik, die in einer anrührend zärtlichen, aber von jeder sentimentalen Verklärung freien Sprache erzählt werden, sind bei allem Witz von tiefer Melancholie geprägt, von der Trauer um einen verlorenen Teil des eigenen Lebens. Mit der Schilderung der Reise nach Israel und der Ankunft in dem neuen, völlig unbekannten Land,wird deutlich, welchen Bruch die Auswanderung für das Kind bedeutete. Es hat sich angepasst, die neue Sprache gelernt, sich an den neuen Namen gewöhnt und eine Vergangenheit verdrängt, die - nicht zuletzt dank gesellschaftlicher Vorurteile - tabuisiert werden musste. Boris Saidman hat ein wunderbares Buch über Auswanderung und Einwanderung (nicht nur nach Israel) geschrieben, das ich nur empfehlen kann.

Über den Autor:
Boris Saidman, geboren 1963 in Kischinjow, UdSSR (heute Kischinau,, Hauptstadt der Republik Moldau), wanderte als 13jähriger mit seinen Eltern nach Israel aus. Er studierte Visuelle Kommunikation und arbeitet als Art Director. „Hemingway und die toten Vögel“ ist sein erster Roman.